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Die Kunst des mehrsprachigen ECMs – und wie man sie meistert

Geschätzte Lesedauer: 5 Minuten



von Viola Ganter

Hände mit Telefon und mehrsprachiger Sprechblase darüber.

Unter den häufigsten internationalen Nachnamen finden sich Namen wie “Jónsdóttir” (Island), “Müller” (Deutschland) und “Satō/佐藤” (Japan). Jeder dieser Namen enthält Buchstaben, die im englischen Alphabet nicht vorkommen. Das bedeutet: Jede Person mit diesem Namen wird irgendwann in ihrem Leben Probleme beim Ausfüllen eines Online-Formulars haben.

Mehrsprachige Softwareentwicklung fängt gerade erst an, aufzuholen und mit dem stark vernetzten globalen Markt Schritt zu halten. Was für die Einzelperson nur ein Ärgernis sein mag, wird für Unternehmen mit sprachlich vielfältigem Personal- oder Kundenstamm zu einer großen Herausforderung. Von Webseiten, die Schriftzeichen nicht richtig anzeigen können, bis hin zu Suchmaschinen, die eine Abfrage grammatikalisch nicht verstehen – globale Unternehmen haben alle Hände voll zu tun, wenn es um mehrsprachiges Enterprise Content Management geht.

Warum brauchen wir mehrsprachiges ECM?

Der globale Handel hat im letzten Jahrhundert exponentiell zugenommen, und damit auch die Notwendigkeit, Unternehmen über Ländergrenzen hinweg zu managen. Warenexporte machen fast 25 Prozent des weltweiten BIP aus, und etwa 30 Prozent der weltweiten Exportgüter werden anteilig in anderen Ländern produziert, was zu immer komplexeren und globalisierten Produktionsketten führt. Das bedeutet: Rechnungen, Frachtbriefe, Zollerklärungen, Hotelrechnungen und vieles mehr müssen auf der ganzen Welt zugänglich gemacht werden, während sowohl die Mitarbeitenden als auch der Kundenstamm sprachlich immer vielfältiger werden.

Weniger als 20 Prozent der Weltbevölkerung spricht Englisch

Mit rund 1,35 Milliarden Menschen, die zumindest über rudimentäre Sprachkenntnisse verfügen, ist Englisch zwar die derzeit am weitesten verbreitete Sprache der Welt, wird aber immer noch von weniger als einem Fünftel der Weltbevölkerung gesprochen. Deutlich weniger (360 Millionen) haben die Sprache als erste Sprache gelernt.

Um in einem multinationalen Unternehmen wirklich effektiv zu sein, muss ein Content Management-System daher in der Lage sein,

  • Daten in jeder Sprache verarbeiten zu können,
  • mehrsprachige Benutzeroberflächen anzubieten und
  • die verschiedenen User-Sprachen in alle Workflows einzubinden.

Was sind die Herausforderungen bei der Entwicklung mehrsprachiger Software?

Da die Geschichte der Softwareentwicklung hauptsächlich im Vereinigten Königreich und in den USA verwurzelt ist, überrascht es nicht, dass die traditionell vorherrschende Sprache in der technischen Welt Englisch ist. Doch während sich die Informationstechnologie längst über den gesamten Erdball ausgebreitet hat, hat die mehrsprachige Softwareentwicklung noch einiges aufzuholen. Dies mag zum Teil auf mangelnde Sensibilisierung bei manchen Softwarefirmen zurückzuführen sein, vor allem aber hat sich die Programmierung für mehrere Sprachen in der Vergangenheit als technisch schwierig erwiesen.

Skalierbarkeit

Während die englische Sprache mit einer leichtgewichtigen 1-Byte-Zeichenkodierung (Latin-1) vollständig erfasst wird, benötigen andere Sprachen UTF-8 oder UTF-16, was bis zu vier Bytes pro Zeichen in Anspruch nehmen kann. Mit anderen Worten: Multiple Alphabete sind datenintensiv und weniger effizient.

Glücklicherweise gehört dieses Problem aber mit der zunehmenden Big Data-Kompatibilität der Technikwelt allmählich der Vergangenheit an, denn microservices-basierte Softwarearchitekturen ermöglichen inzwischen die Skalierung von Prozessen unabhängig voneinander.

Verlängerte Software Release-Zyklen

Die Übersetzung ganzer Systeme in eine andere Sprache kann extrem zeit- und kostenaufwändig sein, da jeder Text, jedes Etikett und jede Fehlermeldung neu codiert werden muss. Ganz zu schweigen von eventueller Sprachverarbeitung, die im Algorithmus der Software selbst eingebunden ist (Syntaxparsing, Synonymsuche, Topic Modeling, um nur einige zu nennen). Dies gilt insbesondere für Clients mit hart-codierten Bedienoberflächen, bei denen jedes Feature Update für jede zusätzliche Sprache dupliziert, getestet und ausgerollt werden muss.

Eine Lösung bieten hier browserbasierte Clients, die in den letzten Jahren an Popularität gewonnen haben: Mit Hilfe von Platzhaltern wird die richtige Sprache für den richtigen User angezeigt. Es wird nur eine Softwareversion benötigt, und alle Texte werden in einer separaten Datenbank gespeichert.

Übersetzungskosten

Je schwieriger es ist, eine Bedienoberfläche zu ändern, desto wichtiger werden fehlerfreie Übersetzungen. In der Regel bedeutet dies die Beauftragung einer professionellen Übersetzungsagentur, die die gesamte Schnittstelle übersetzt und testet.

Auch hier ist die Arbeit mit Platzhaltern die Lösung. Je flexibler ein Text angepasst werden kann, desto geringer ist der Druck auf die Übersetzungen. Das heißt: Ein Prototyp kann viel schneller eingeführt und bei Bedarf nachgebessert werden, was sowohl Übersetzungskosten senkt als auch die Markteinführungszeit verkürzt.

Dies ist einer der Bereiche, in denen No-Code/Low-Code-Lösungen glänzen. Wenn ein Unternehmen über Personal mit unterschiedlichen Sprachkenntnissen verfügt, warum sollte es diese nicht nutzen? No-Code-Anpassungen ermöglichen es den Mitarbeitenden, eine Schnittstelle nach ihren eigenen Bedürfnissen zu gestalten und somit ihr eigenes Vokabular zum Einsatz zu bringen.

Eine Hand, die einen Stift hält, ein Apfel und Haftnotizen mit dem Wort "Apfel" in verschiedenen Sprachen

Das Einmaleins des Multilingualen ECMs

Was sind also die wichtigsten Merkmale für Enterprise Content Management-Systeme in sprachlich vielfältigen Umgebungen?

  • Flexibilität. Je mehr, desto besser. Modularisierte Software-Architektur ermöglicht isolierte Änderungen, ohne dass das gesamte System übersetzt werden muss. Platzhalter statt hart-codiertem Text erleichtern das Anpassen von Oberflächen. No-Code-Schnittstellen ermöglichen es, Übersetzungen einzugeben, ohne die IT-Abteilung einzuschalten.
  • Skalierbarkeit. Der Umgang mit mehr Sprachen bedeutet den Umgang mit mehr Daten. Eine auf Microservices basierende Softwarearchitektur skaliert Aufgaben unabhängig voneinander und ist ideal für den Umgang mit datenintensiven Zeichenkodierungen.
  • Eine starke Suchmaschine. Schnell zu finden, was man braucht, vermeidet Frust. Effiziente Indizierung, Natural Language Processing, Synonym und Fuzzy Search – bei einer guten Suchmaschine funktionieren alle diese Features sprachübergreifend.
  • Möglichkeiten, das linguistische Potenzial des Unternehmens auszuschöpfen. Low-Code-/No-Code-Schnittstellen sind nicht nur ideal für Flexibilität, sondern auch für die Nutzung der firmeninternen Sprachkenntnisse. Wenn man Mitarbeitenden erlaubt, ihre eigenen Worte zu verwenden, werden sowohl Übersetzungskosten als auch die Markteinführungszeit minimiert.

Unterm Strich

Mehrsprachiges ECM kann erstmal kompliziert wirken, wird aber mit der zunehmenden Vernetzung der Märkte immer wichtiger. Eine clever gewählte Software-Architektur macht das Leben jedoch viel leichter. Flexibilität, Skalierbarkeit, eine mehrsprachige Suchmaschine und die Möglichkeit, das sprachliche Know-how der Mitarbeitenden zu nutzen, sind die wichtigsten Merkmale für Enterprise Content Management rund um den Globus.

3 Personen stehen um einen Tisch mit Computern über dem eine Weltkugel schwebt

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